Vögel

Vom Strand vertrieben: Die Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons)

Ordnung: Charadriiformes (Regenpfeiferartige)
Familie: Sternidae (Seeschwalben)
Gattung: Sterna
Gewicht: 45-65 g
Länge: 20-24 cm
Nahrung: Fische, Krebstiere, Weichtiere
Verbreitung: Europa, Asien, Nordamerika, Australien. Europa: alle südlichen und westlichen Küsten – nördlich bis nach Südskandinavien/ Finnischer Meerbusen
Überwinterung: Mittelmeerraum bis Südafrika
Gefährdung: Rote Liste Deutschland (2007); Rote Liste MV (2003): 1 (vom Aussterben bedroht); Anhang I EU-Vogelschutzrichtlinie

Klein und gut getarnt


Auf der Erde erscheint der Vogel noch winziger als in der Luft. Charakteristisch sind der gelbe Schnabel mit
schwarzer Spitze und die gelborangen, kurzen Beine (Foto: J. Reich).

Die kleinste, bei uns seltenste Seeschwalbe, die Zwergseeschwalbe,führt wie die meisten Seevögel eine monogame Saisonehe, wobei einige Vögel über viele Jahre hinweg verpaart bleiben. Die Brut erfolgt einmal im Jahr von Anfang Mai bis Anfang Juni. Nach der Paarbildung tieft das Weibchen mit dem Körper im Sand eine Nistmulde aus und legt 2-3 ockerfarbene, dunkelbraun gefleckte Eier. Diese sind nicht nur in der Lage, kurze Überflutungen zu überleben, sondern werden außerdem bei Übersandungen von den adulten Vögeln wieder frei gescharrt. Nach rund 21 Tagen Brutzeit schlüpfen die Jungen. Als sog. Platzhocker können sie sich fortbewegen, bleiben aber meist in Nestnähe und werden von den Altvögeln gehudert und gefüttert. Beim Schlüpfen sind die Jungen mit einem gelbbraunen Flaum bedeckt, der – im Gegensatz zur weißen Brust – an Rücken und Kopf schwarze Tupfen aufweist. Dieser Flaum gibt den Küken in der natürlichen Umgebung eine sehr wirkungsvolle Tarnung, die bei Gefahr durch regungsloses Hocken zwischen Steinen und Vegetation verstärkt wird und sie somit nahezu unauffindbar macht.

Im Nationalpark können Sie der kleinsten Seeschwalbe der Welt bei ihren akrobatischen Jagdflügen noch zusehen. Die Vögel sind optisch orientierte Stoßtaucher, d.h. die Nahrung wird im Rüttelflug angepeilt und dann senkrecht ins Wasser stoßend erbeutet. Pfeilschnell stoßen die kleinen Vögel dabei ins Wasser. Jeder vierte Tauchgang ist erfolgreich. Der so gefangene Fisch hängt meist mit dem Kopf nach links aus dem Schnabel, denn die Seeschwalbe ergreift den fliehenden Fisch in der Regel von oben mit einer rasanten Rechtsdrehung.

Auf Brutplatzsuche

Die Zwergseeschwalbe brütet in Mecklenburg-Vorpommern ausschließlich im Bereich der Ostseeküste und reagiert extrem empfindlich gegenüber Veränderungen in ihrem Lebensraum, so dass ihre Bestandsentwicklung durch sehr starke Schwankungen charakterisiert ist.

Vom Darßer Ort können Sie auf dem Strand bis nach Schleswig-Holstein wandern. Abgesehen von ein paar Flussmündungen und Hafenanlagen, die Ihnen im Weg liegen, steht Ihnen der Strand offen. Was den Badegast freut, ist für die Zwergseeschwalbe bitter, denn der Strand ist seit Jahrtausenden ihr Lebensraum. Der Bestand wurde 2005 bundesweit mit 630-680 Brutpaaren angegeben. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet davon lediglich 45-120 Brutpaare; der Rückgang der vom Aussterben bedrohten Art beträgt darüber hinaus in den letzten 20 Jahren über 20 %.


Meister der Tarnung: die gut getarnten spartanischen Nestmulden werden leicht übersehen und die Eier infolge dessen oftmals zertreten. Die zunehmenden Störungen führten zu einer Vertreibung von den sonst besiedelten Gebieten Die Kernzonen des Nationalparks sind somit enorm wichtig für das Weiterbestehen des Zwergseeschwalbenbestandes an unserer Küste (Foto: J. Reich).

In den 1980er und 1990er Jahren konnte man die Zwergseeschwalbe noch als Brutvogel auf zahlreichen Spülfeldern oder selbst küstennahen Äckern beobachten. In den letzten Jahren lassen sich in Mecklenburg-Vorpommern jedoch nur noch wenige Brutplätze verzeichnen; die meisten Brutareale befinden sich dabei im Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“, so z.B. auf der Insel Kirr und den Sandbänken vor dem Bock sowie in der Kernzone des Nationalparks auf dem Neuen Bessin, der mit seinen ausgedehnten vegetationsfreien Sandflächen und flachen Kiesbänken ideale Brutbedingungen darstellt. (s. a. Küstenvogelbrutgebiet “Neuer Bessin”)
Dieser ist – neben der Insel Langenwerder – der einzige ständige Brutplatz der Zwergseeschwalbe in Mecklenburg-Vorpommern; alle anderen Gebiete sind nur unstetig besetzt und werden als Rückzugsgebiet genutzt, wenn die Prädatorendichte auf den beiden Brutarealen zunimmt. So ließen sich beispielsweise auf Langenwerder Zu- und Abwanderungen der Seeschwalben beobachten, welche nicht nur in Richtung Osten (Hiddensee) sondern auch nach Westen (Naturschutzgebiet Bottsand, Schleswig-Holstein) erfolgten. Die traditionellen Brutgebiete Bessin und Langenwerder beherbergen ca. 95 % der mecklenburg-vorpommerschen Population.


Bestandszahlen der Zwergseeschwalbe von 2002 bis 2010 in Mecklenburg-Vorpommern und im Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“
Wußten Sie schon,...

…dass die Zwergseeschwalbe mit rund 45 g Körpergewicht leichter ist, als eine halbe Tafel Schokolade?!

…dass Zwergseeschwalben “gemeinsam stark sind” und daher in Kolonien brüten?!

…dass der Nestbau den Zwergseeschwalben kaum Anstrengung abverlangt, da den Vögeln bereits eine nachlässig in den Sand gescharrte Vertiefung oder eine Mulde zwischen einigen Kieselsteinen als Nest ausreicht?!

…dass bei der Paarbindung das Anbieten eines Fisches von Bedeutung ist?!

…dass im Gegensatz zu Möwen, die mehrere Beutetiere im Kropf speichern können, Seeschwalben jeden einzelnen Fisch vom Nahrungsrevier zum Koloniestandort transportieren müssen, um ihren Partner bzw. die Küken zu füttern?!

…dass Zwergseeschwalben bereits Ende Juli und im August gen Süden ziehen, um der Nahrungsknappheit und der Kälte des Winters zu entgehen?!

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