Küstenvogelbrutgebiete

Insel Kirr


Das Prielsystem der Insel Kirr ist weitgehend in seiner verästelten Ursprünglichkeit erhalten (Foto: Th. Grundner).

Ausgedehntes Prielsystem

Der ca. 370 ha große Kirr ist aus gutem Grund die bekannteste Salzgraslandinsel im Nationalpark und liegt in weiten Bereichen nur wenig über NN. In den großflächigen Salzweiden ist das Prielsystem weitgehend in seiner verästelten Ursprünglichkeit erhalten – eine absolute Besonderheit an der von Küstenschutz und Meliorationen stark veränderten Küstenlandschaft.

1336 wurde „insule in Kyrre“ erstmals erwähnt. Die noch heute geltende Bezeichnung „Kirr“ ist seit ca. 1696 geläufig und bedeutet „ein mit Sträuchern bzw. Büschen bewachsener Ort“. Die Insel wird seit jeher als Viehweide genutzt. Bereits seit 1336 – der Kirr gehörte zu der Zeit Barther Bürgern und der Herrschaft Divitz – wurde ein Großteil des Gebiets als Weideland verpachtet. 1823 verkaufte die Stadt Barth das Gehöft Klein Kirr, wo bis 1954 Landwirtschaft betrieben wurde. Bis in die erste Hälfte des 20. Jh. gab es auf dem Eiland zwei Bauernhöfe, von denen einer nur noch als Ruine zu erkennen ist. Der andere befindet sich im Osten der Insel. Die Weideflächen sind heute an das Gut Darß verpachtet und dienen vor allem der Erhaltung des Überflutungs-Graslandes. Seit 1972 ist der Kirr offizielles Vogelschutzgebiet und seit 1990 Schutzzone II des Nationalparks.


Überreste einer alten Stallanlage sind Zeuge der Jahrhunderte langen Beweidung der Insel (Foto: I. Stodian).

Bei Hochwasser wird die Insel fast vollständig von dem salzigen Boddenwasser überflutet, welches durch die Priele größtenteils wieder abfließen kann, in vielen Tümpeln aber auch stehen bleibt und teilweise in sogenannten Salzpfannen verdunstet. Durch das Zusammenspiel von Überflutungen und dem Tritt der Weidetiere gerieten Pflanzenreste unter Luftabschluss und so entstand im Laufe der Jahre eine dünne Schicht Torf, das sogenannte Küstenüberflutungsmoor. Diese geringmächtige Torfdecke überlagert zum größten Teil die zwei Substrate (marine Sande, brackiger Schlick), aus denen die Insel besteht. Die Salzgrasvegetation geht in den höher gelegenen Abschnitten in Feuchtwiesen über.


Das größte zusammenhängende Salzweideareal im Nationalpark kann bei Hochwasser fast vollständig überflutet werden (Fotos: I. Stodian).

Die Insel stellt somit ein ideales Brutgebiet für Watvögel dar und ist im landesweiten Maßstab bedeutsam. Derzeit brüten dort 23 verschiedene Küstenvogelarten. Allein 140 Paare des Rotschenkels (Tringa totanus) nisten auf der Insel, weiterhin sind auch Uferschnepfen (Limosa limosa), Austernfischer (Haematopus ostralegus), Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta) und Kiebitze (Vanellus vanellus) mit hoher Individuendichte vertreten. Auch unzählige Brandseeschwalben (Sterna sandvicensis) bevölkern zur Brutzeit lautstark die Insel. Eine Besonderheit der Insel sind die 8 Brutpaare des Alpenstrandläufers (Calidris alpina), eine Art, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Mecklenburg-Vorpommern noch häufig anzutreffen war. Die für den Ostseeraum endemische Unterart schinzii kommt als Brutvogel nur noch in Relikten vor – der Kirr ist derzeit die einzige Brutstätte dieser Schnepfenvögel in Deutschland. Sein Verschwinden an unserer Küste ist in den nächsten Jahren wahrscheinlich. Eine weitere faunistische Rarität der Insel stellt das einzige Brutpaar des Kampfläufers (Philomachus pugnax) von Mecklenburg-Vorpommern dar – ohne diese Individuen gilt die Art an unserer Küste als ausgestorben.

Die Insel weist darüber hinaus eine große Lachmöwenkolonie (Larus ridibundus) auf, die 2010 1950 Brutpaare umfasste. Auch Sturm- und Silbermöwe (Larus canus, – argentatus) nutzen den Kirr zur Aufzucht ihrer Jungen – mit 110 bzw. 70 Brutpaaren (2010) ist die Population aber wesentlich kleiner als die der Lachmöwe.

Im Herbst ist der Kirr ein wichtiger Rastplatz für Kraniche (Grus grus). Mehrere Tausend Individuen können allabendlich in den Flachwasserbereichen beobachtet werden.


Typische Tundrenvögel wie die Uferschnepfe (Limosa limosa) und der Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta) finden auf der Insel Kirr ideale Brutbedingungen (Fotos: links I. Stodian, rechts J. Reich).

Entwicklung der Anzahl von Brutpaaren


Entwicklung des Gesamtbrutbestandes (37 Arten) auf der Insel Kirr von 1990 bis 2010.

Brutbestand von Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Rotschenkel (Tringa totanus) auf der Insel Kirr von 1990 bis 2010.

Brutbestand der Lachmöwe (Larus ridibundus) auf der Insel Kirr von 1990 bis 2010.


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