Vögel

Brut unter der Erde: Die Brandgans (Tadorna tadorna)

Ordnung: Anseriformes (Gänsevögel)
Familie: Anatidae (Entenvögel)
Gattung: Tadorna
Gewicht: 1-1,5 kg
Länge: 55-71 cm
Nahrung: kleine Weich- und Krustentiere, Würmer, Insekten, selten Wasserpflanzen
Verbreitung: gesamte Küste Nord-/ Westeuropas, stellenweise Küste Mittelmeer/ Schwarzes Meer, vom Kaspischen Meer bis zu den mittelasiatischen Steppen
Überwinterung: Atlantikküste Westeuropa, Mittelmeergebiet
Gefährdung: Rote Liste Deutschland (2007): ungefährdet; Rote Liste MV (2003): 3 (gefährdet)

Gans- oder doch eher Ente?


Beide Geschlechter unterscheiden sich deutlich durch den auffällig roten Höcker des Männchens. (Foto: J. Reich)

Kaum ein anderer Vogel ist im Nationalpark so auffällig und unverwechselbar wie die Brandgans. Oder doch Brandente? Sie steht im Körperbau und im Verhalten genau in der Mitte zwischen Gänsen und Enten und gehört deswegen zur Unterfamilie der Halbgänse (Tadorninae). Sie ist ungefähr so groß wie eine Stockente und kontrastreich weiß-schwarz-rostbraun gefärbt. Der Schnabel ist leuchtend rot und trägt beim Männchen an der Wurzel einen markanten Höcker, der sich im Spätsommer zurückbildet. Weil der Nistplatz so gut versteckt ist, kann sich auch das Weibchen ein auffälliges Federkleid erlauben.

Die Brandgans nistet fast ausschließlich in 1 bis 2 m langen Erdlöchern, die sie manchmal selbst ausscharrt. Meist werden aber die verlassenen Höhlen von Kaninchen, Füchsen und anderen Säugetieren benutzt. Die Tiere brüten stets am gleichen Ort, sie sind also ausgesprochen ortstreu. Die Nistplätze sucht sie bereits verpaart im Februar, gewöhnlich aber erst im März auf. Das Weibchen legt im April bis Juni in die mit Dunen ausgepolsterte Nisthöhle 7 bis 12 weiße Eier, die es allein ausbrütet, während sich das Männchen zum Schutz in der Nähe des Nestes aufhält und teilweise sogar vor dem Höhleneingang Wache hält. Nach rund 28 Tagen schlüpfen die Jungen und werden nach Trocknen des Gefieders sogleich von den Eltern zum Wasser geführt. Dort durchsieben sie mit ihrem Schnabel das Wasser oder lesen ihre Nahrung vom Boden oder der Vegetation ab. Nur selten kann man sie beim Nahrungserwerb auch tauchen sehen.


Bei der Jungenaufzucht wird besonders aufgepasst: Wenn Gefahr droht, pfeifen die Elterntiere und die Küken tauchen ab. (Foto: J. Reich)

Einige junge Brandgänse werden bis zu ihrem Flüggewerden mit ca. 43 Tagen durch die Elternvögel betreut. Ein Großteil der Brutvögel zieht in diesem Zeitraum aber schon in die Mausergebiete, so dass viele Jungen noch vor dem Erreichen der Selbstständigkeit von den Altvögeln verlassen werden. Ab Mitte Juli werden diese Küken zu sog. „Kindergärten“ zusammengefasst, die aus den Jungvögeln unterschiedlicher Gelege bestehen und nur noch von einem Paar betreut werden. Meistens handelt es sich bei den „Aufsichtsvögeln“ um welche, die im entsprechendem Jahr selber keine erfolgreiche Brut hatten. Sie erscheinen erst im August bzw. September im Mausergebiet, nachdem sie ihre Aufsichtspflicht erfüllt haben.


Brutplatzschwund

Der Bestand an Brandgänsen ging insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Bejagung stark zurück. Von ihren finnischen bzw. nordschwedischen Brutplätzen verschwand sie vollständig. Heutzutage wirkt sich gerade die intensive Freizeitnutzung der Brut- und Mauserplätze auf die Bestandsentwicklung aus, da die Tiere entweder keine geeigneten Nistmöglichkeiten mehr finden oder Störungen dazu führen, dass die Vögel aus ihrem eigentlichen Lebensraum verdrängt werden. Zusätzlich werden die Vögel durch Prädatoren geschädigt: Die Nester sind durch Füchse, die Küken durch Großmöwen bedroht. Der Bestand wurde 2005 bundesweit mit 6200-6400 Brutpaaren angegeben. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet davon lediglich 150-250 Brutpaare; der Rückgang der an unserer Küste gefährdeten Art beträgt darüber hinaus in den letzten 20 Jahren über 20 %.
Die meisten Brandgänse brüten in den mehr marin geprägten inneren Seegewässern. Die großen Flachwasserbereiche der Bodden und die Vogelinseln des Nationalparks sind somit immens wichtig, da sie den Tieren optimale Nahrung, Schutz sowie ungestörte Brutplätze bieten. Besonders die Insel Liebitz wird von den Tieren gut angenommen: von den 37 Brutpaaren des Nationalparks 2010 befanden sich 12 Nester auf der kleinen Insel im Kubitzer Bodden. (s. a. Küstenvogelbrutgebiet “Insel Liebitz”)

Bestandszahlen der Brandgans von 1990 bis 2010 im Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“.



Wussten Sie schon,...

…dass die Bezeichnung „Brand“gans sich wahrscheinlich von der brandroten Färbung des Brustrings ableitet?!

…dass Brandgänse, die im Frühjahr an der Küste beobachtet werden können, Nichtbrüter sind, die keine Höhle gefunden haben, während die Brutvögel daran zu erkennen sind, dass man sie nicht sieht?!

…die Vögel aus Mangel an Nisthöhlen auch Gemeinschaftsnester anlegen, die im Extremfall 50 Eier umfassen können?!

…dass die sog. Kindergärten aus bis zu 100 Jungvögel bestehen können?!

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