Vögel

Ministorch: Der Austernfischer (Haematopus ostralegus)

Ordnung: Charadriiformes (Regenpfeiferartige)
Familie: Haematopodidae (Austernfischer)
Gattung: Haematopus (3 Unterarten)
Gewicht: 450-700 g
Länge: 40-45 cm
Nahrung: Muscheln, Meeresschnecken, Krustentiere, Stachelhäuter, Würmer, Insekten
Verbreitung: Europa, Nordafrika und Nordasien von der Türkei bis Korea
Überwinterung: Mittelmeerraum, teilweise Afrika, mitteleuropäische Vögel meist Standvögel
Gefährdung: Rote Liste Deutschland (2007): ungefährdet; Rote Liste MV (2003): 1 (vom Aussterben bedroht), Anhang II/2 EU-Vogelschutzrichtlinie

Spezialisierte Inselbewohner


Mit ihrem schwarz-weißen Gefieder, den roten Beinen und dem rotem Schnabel gehören sie zu den auffälligsten Watvögeln im Nationalpark (Foto: J. Reich).

Der Austernfischer bewohnt eine Vielzahl von sandigen oder schlammigen Lebensräumen. Seit Mitte des 19. Jhd. führten gezielte Bejagungen und Störungen an den Brutplätzen zu deutlichen Bestandsrückgängen. Erst seit etwa 1920 hat sich die Zahl der Austernfischer auf Grund von eingeleiteten Schutzmaßnahmen nur langsam erhöht.

Heute ist das Wattenmeer von Esbjerg in Dänemark bis Den Helder in Holland mit rund 500.000 überwinternden Austernfischern und 40.000 Brutpaaren der mit Abstand bedeutendste Lebensraum dieses Watvogels. In Deutschland wurde der Bestand 2005 bundesweit mit 31.000 Brutpaaren angegeben. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet davon lediglich 160-180 Brutpaare; die meisten Brutgebiete liegen dabei in den Vogelschutzgebieten des Nationalparks. Besonders die Inseln Barther Oie und Kirr werden von den Vögeln zur Aufzucht ihrer Jungen genutzt. Von 94 Brutpaaren (2010) beherbergte die Barther Oie mit 53 Nestern mehr als die Hälfte der Tiere, der Kirr folgte mit 30 Brutpaaren.

Bestandszahlen des Austernfischers von 1990 bis 2010 im Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“.


Die Partnerschaft der Austernfischer dauert recht lange, so dass man Partner- und Nistplatztreue von bis zu 6 Jahren feststellen konnte. Die Paare nisten in einer lockeren Kolonie nicht weit voneinander entfernt an sandigen, steinigen und schlammigen Küsten, am liebsten in unmittelbarer Ufernähe. Auch kurzgrasige Weiden oder Ackerflächen in Wassernähe werden angenommen. Die Brutreviere mit „Seeblick“ sind im Allgemeinen stark umkämpft und Vögel, die die weiter landeinwärts gelegenen Brutplätze nutzen, müssen wohl oder übel das gesamte Jungenfutter „einfliegen“. Zu Beginn der Nistzeit kann man beim Austernfischer gemeinsame Balzspiele beobachten, bei denen neben einer starren Körperhaltung mit gerecktem Hals auch das gegenseitige Jagen am Boden und in der Luft unter ständigem, ohrenbetäubenden Trillern charakteristisch ist. Ihn zu übersehen oder gar zu überhören ist demnach schwer.

Das Nest ist eine nur mit Muschelschalen oder Steinchen umlegte Mulde, in die das Weibchen im Mai oder Juni in der Regel 3 sandgelbe, unregelmäßig schwarz gefleckte Eier legt. Diese werden von beiden Altvögeln 26-28 Tage ausgebrütet. Die Küken verlassen meist sofort das Nest und drücken sich bei Gefahr an den Boden und verschmelzen dank ihres braungrauen Flaums mit ihrer Umgebung.



Weder ein Fischer, noch ein Liebhaber von Austern: der Austernfischer (Foto: J. Reich).

Gelernt ist gelernt

Die festen, spitzen und scharfkantigen Schnäbel der Austernfischer eignen sich gut zum gezielten Greifen, Festhalten und Zerkleinern der Beute. Mittels Tastsinn orientieren sich die Vögel bei der Nahrungssuche und können dabei auch zwischen lebenden Muscheln und leeren Muschelschalen unterscheiden. Während kleine Muscheln meist im Ganzen verschluckt werden, müssen die Vögel die größeren Öffnen, um an das Fleisch zu gelangen. Die verschiedenen Techniken werden dabei von den Elterntieren erlernt und durch Übung verfeinert. Dabei erziehen die Altvögel ihre Nachkommen zu regelrechten Spezialisten, denn ein und derselbe Austernfischer verwendet immer nur eine Öffnungstechnik, die er an die Jungen weitergibt.

Eine Methode, die Muscheln zu knacken, ist das Aufhämmern: Die Muscheln werden von den Austernfischern zu einer harten Unterlage getragen und dort aufgehämmert. Auch das Fallenlassen aus der Luft auf einen harten Untergrund kann gelegentlich beobachtet werden. Weiterhin gibt es auch Vögel, die gelernt haben, blitzschnell in eine leicht geöffnete Muschel zu stoßen und diese aufzustemmen. Austernfischer, die im Binnenland leben, ernähren sich hingegen größtenteils von Regenwürmern und stochern mit ihrem spitz zulaufenden Schnabel im weichen Untergrund.

Wussten Sie schon...

…dass der wissenschaftliche Name übersetzt „Austern sammelnder Blutfuß“ heißt?! Jedoch ist der Name irreführend, da Austern zu hartschalig sind uns somit von den Tieren nicht geknackt werden können.

…dass sich beim Öffnen der Muscheln die Schnabelspitze abnutzt, die aber täglich 0,5 mm nachwächst?!

…dass man bei genauem Hinsehen die unterschiedlichen Öffnungstechniken der Tiere sogar an der Schnabelform unterscheiden kann?! Austernfischer, die Muscheln und Schnecken aufzuhämmern, haben eine abgestumpfte und verkürzte Schnabelspitze, den sog. Hammerschnabel. Tiere, die mit dem Schnabel in eine geöffnete Schale stoßen, entwickeln eine meißelförmige Schnabelspitze.

…dass ein Vogel, der 1949 nestjung beringt worden war, 1992 starb?! Errechnen Sie doch mal das Alter – Sie werden überrascht sein!

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