Kranichrast und Hirschbrunft erleben – mit Abstand

Tausende Kraniche über den Bodden, das Trompeten der Zugvögel in der Dämmerung und das mächtige Röhren der Rothirsche im Darßwald: Der Herbst gehört zu den eindrucksvollsten Jahreszeiten im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Wer dieses Naturschauspiel erleben möchte, sollte vor allem eines sein: ein aufmerksamer Gast.

Rothirsch in einer nebligen Schilflandschaft © MV-T/Erik Gross
Rothirsch im Nationalpark zur Hirschbrunftzeit

Einmal quer durch Europa – Rastplatz Nationalpark

Wenn im September und Oktober die ersten Kraniche aus ihren Brutgebieten zurückkehren, wird es am Himmel über der Boddenlandschaft laut. Mit ihren charakteristischen Rufen kündigen die großen Vögel ihre Ankunft an. Das Gebiet rund um den Barther Bodden bis zur Westküste Rügens gehört zu den bedeutendsten Kranichrastplätzen Mitteleuropas. Mehr als 70.000 Kraniche können hier auf ihrem Zug von Skandinavien in Richtung Südwesteuropa Station machen.
 

Tagsüber sind die Vögel auf Nahrungssuche und fressen sich Energiereserven für ihre Weiterreise an. Abends kehren sie zu ihren Schlafplätzen zurück. Dafür nutzen sie vor allem flache, geschützte Gewässer, in denen sie im Stehen schlafen können.

Gerade der abendliche Einflug ist ein beeindruckendes Schauspiel. Doch genau dann brauchen die Kraniche besondere Ruhe. Werden sie aufgescheucht und fliegen sie auf ,  verbrauchen sie wertvolle Energie. Bei wiederholten Störungen können sie einen Schlafplatz sogar ganz aufgeben.
 

Deshalb ist der Zugang zur Nationalpark-Kernzone „Sundischen Wiese“ und damit auch zum Pramort von 15 bis 20 Uhr auf 60 Personen begrenzt und nur mit der Nationalpark-Card möglich. Von 20 Uhr abends bis 8 Uhr morgens ist der Zutritt in diesem Bereich komplett untersagt.
 

Wer Kraniche beobachtet, sollte deshalb zum stillen Zaungast werden: Fernglas statt Annäherung, Ruhe statt Rufen und Beobachten vom Weg oder von den ausgewiesenen Aussichtsplattformen. Oder auf unserer abendlichen Kranichführung in Bisdorf. Gemeinsam mit dem Ranger erleben Sie den Einflug der Kraniche zu ihren Schlafplätzen und erfahren alles Wissenswerte rund um den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft.
 
 

Wenn der Darßwald röhrt

Während die Kraniche ihre Reise vorbereiten, beginnt im Nationalpark ein ganz anderes Herbstspektakel: die Brunft der Rothirsche.

Ab etwa Mitte September suchen die erwachsenen männlichen Hirsche die Rudel der weiblichen Tiere auf. Sie scharren mit den Hufen, präsentieren ihr Geweih und liefern sich mitunter beeindruckende Kämpfe mit ihren Rivalen. Vor allem aber ist ihr tiefes, weithin hörbares Röhren zu vernehmen, das während der Brunft durch den Darßwald und über die offenen Flächen hallt.
 

Für die Rothirsche ist diese Zeit körperlich äußerst anstrengend. Sie nehmen während der Brunft nur wenig Nahrung auf und setzen ihre Energie vor allem für die Fortpflanzung ein. Umso wichtiger ist es, dass sie nicht zusätzlich durch Menschen aufgeschreckt und zur Flucht gezwungen werden.
 

Der Nationalpark bietet den Tieren dafür etwas, das immer seltener wird: großflächige, geschützte Rückzugsräume, in denen sie ihr arttypisches Verhalten zeigen können. Gerade das macht die Hirschbrunft hier so besonders. Rothirsche können sich in der Kernzone sicher fühlen und sind dadurch sogar am Tage zu beobachten.
 

Die schönste Beobachtung ist die, bei der das Tier nichts von uns merkt

Wer Wildtiere in freier Natur erlebt, erlebt einen seltenen Moment. Aber genau deshalb sollten wir uns bewusst machen: Wir sind Gäste.

Das gilt für Einheimische genauso wie für Urlauber, für Spaziergänger ebenso wie für ambitionierte Fotografen. Die besten Naturbeobachtungen entstehen dort, wo die Tiere nicht bedrängt werden. Wer sich ihnen nähert, Wege verlässt oder für ein Foto hinterhergeht, verändert das Verhalten der Tiere – und kann sie erheblich stören.
 

Für die Herbstzeit gelten deshalb besondere Schutzmaßnahmen (auch hier nachzulesen):
 

  • Auf den Wegen bleiben: Auch Fotografen müssen sich an das Wegegebot halten.
  • Abstand halten: Fernglas und Teleobjektiv ermöglichen eindrucksvolle Beobachtungen, ohne den Tieren zu nahe zu kommen.
  • Leise sein: Kein Rufen und kein Versuch, Tiere für ein Foto aus der Deckung zu locken.
  • Nur ausgewiesene Parkplätze nutzen: Von dort geht es über Wander- und Radwege ins Gebiet.
  • Gesperrte Bereiche respektieren: Die Sperrungen dienen nicht der Einschränkung des Naturerlebnisses, sondern schaffen dringend benötigte Ruhebereiche.
  • Sundische Wiese: Vom 7. September bis 1. November 2026 ist der Zugang eingeschränkt. Ohne Nationalpark-Card ist der Aufenthalt dort von 8 bis 15 Uhr möglich und mit Nationalpark-Card bis zum Eintritt der Dämmerung. Von Sonnenuntergang bis 8 Uhr morgens ist das Gebiet für alle gesperrt.
  • Buchhorster Maase: Die Wege rund um die Große Buchhorster Maase sind vom 1. September bis Ende Oktober nicht frei zugänglich, damit die Rothirsche während der Brunft ausreichend Ruhe haben.

    Der Förderverein des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft bietet eine exklusive Sonderführung zur Hirschbrunftzeit in die Buchhorster Maase an. Alle Informationen gibt es hier.
     
     

Ein wilder Moment – ganz ohne Störung

Der Nationalpark schützt Räume, in denen Natur Natur sein darf und natürliche Prozesse möglichst ungestört ablaufen dürfen. Und genau dadurch entstehen die besonderen Beobachtungsmomente: ein Rothirsch, der selbstbewusst über eine freie Fläche zieht, eine Gruppe Kraniche, die im flachen Wasser zur Ruhe kommt, oder das Echo eines Hirschröhrens, das durch den Darßwald hallt.

Das sind keine inszenierten Naturerlebnisse. Wer den Herbst im Nationalpark erlebt, kann deshalb mehr mit nach Hause nehmen als ein schönes Foto: Das Wissen, einen wilden Moment gesehen zu haben, der nur möglich ist, weil Mensch und Natur hier den nötigen Abstand zueinander behalten.