Magische Meerwildnis – 35 Jahre Nationalpark

Bewegende Entwicklung im Takt der Natur: Vom Werden und Vergehen, von Misstrauen und Akzeptanz sowie von vielen Erfolgen ist die Geschichte des Nationalparks geprägt. Am 12. September wird er 35 Jahre alt.

Rotwild watet durch die flachen Boddengewässer, umrahmt von Schilfufern. © Klaus Haase
Der Nationalpark ist 35 Jahre jung mit einer bewegten Geschichte.

Am 12. September 1990 wurden große Teile der Vorpommerschen Boddenlandschaft als Nationalpark unter Schutz gestellt – auf Grundlage des ostdeutschen Nationalparkprogramms. Ein bedeutender Tag für die Natur, die sich ab dem Zeitpunkt in weiten Teilen frei in ihrem eigenen Takt entwickeln durfte.
 

Das Nationalpark-Motto „Natur Natur sein lassen“ stellte einen vollständigen Wechsel in der Natur dar. Viele Menschen zweifelten am Erfolg und hatten Sorge um die Entwicklung ihrer Region. Es war ein Prozess, dessen Akzeptanz in den Köpfen Zeit brauchte. Selbst die ausgebildeten Förster mussten lernen, der Natur zu vertrauen und Entwicklungen einfach zuzulassen.
 

In den Wäldern, für die ein Jahrhundert nur ein Wimpernschlag ist, bestimmt seit 2017 endgültig die Natur allein den Takt. Nach Jahrhunderten forstlicher Nutzung, unter Einbringung ortsfremder Nadelhölzer, waren zunächst Initialmaßnahmen begründbar. Diese halfen den Wäldern auf die Sprünge hin zum heimischen Buchenwald. Mit der Revitalisierung des Osterwaldes wurde ein Hochmoor wieder zum Leben erweckt. In vielen Mooren kehrten mit dem Wasser Torfmoose, Sumpfporst oder Wollgras zurück. Noch sind aber längst nicht alle Moore revitalisiert und ohne die unermüdlichen ehrenamtlichen Helfer wären solche Projekte nicht zu stemmen.
 

Wie schnell sich die Natur erholt, wenn wir sie lassen, zeigen erfolgreiche Renaturierungsmaßnahmen. Manche große Baustelle ist nicht einmal mehr zu erahnen. Dass sich Geduld und ein langer Atem lohnt, zeigt uns am eindrucksvollsten der Darßer Ort. Bungalows wurden aus den Dünen entfernt und der ehemalige Militär-, später Nothafen komplett zurückgebaut. Hier beobachten wir die Rückkehr der Natur vom Hafen zum idyllischen Ottosee. Auch die Renaturierung der ehemals militärisch genutzten Sundischen Wiese bewegt sich auf die Zielgerade zu, hin zu einem Mosaik aus Salzgrasland und Wildnisflächen. Damit leistet unser Nationalpark einen wichtigen Beitrag gegen das Artensterben und die abnehmende Biodiversität in einem bedeutenden Küstenraum.
 

Dank solcher Erfolge und der wirtschaftlichen Bedeutung in der Region, hat sich die Wahrnehmung der Menschen zum Nationalpark gewandelt. Wenn Augenzeugen der Anfangsjahre von scharfen Protesten und Anfeindungen gegen den Nationalpark berichten oder von tumultartigen Infoveranstaltungen, dann schauen junge Menschen heute ungläubig und fragen: Wieso war jemand so vehement gegen den Nationalpark? Zufriedenheitsanalysen belegen, dass der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft in den Herzen und Köpfen der allermeisten Einheimischen und Gäste angekommen ist. Zu tun bleibt dennoch genug, mindestens für die nächsten 35 Jahre und wahrscheinlich noch viel länger.
 

Der Lenkungs-, Bildungs- und Informationsauftrag bleibt. Es benötigt weiterhin viel Engagement und Geschick, mit guter Infrastruktur Besucherinnen und Besucher sicher und erlebnisreich durch die Natur zu führen. Allein an den Hotspots Darßer Rundwanderweg und Sundische Wiese wurden letztes Jahr 108.000 bzw. 111.000 Gäste gezählt. Ein wachsames Auge auf alle Veränderungen zu haben, gehört ebenfalls zur Arbeit des Nationalparkamtes – die Natur sorgt eben auch immer für Überraschungen. Das aktuelle Jahresmotto „Im Takt der Natur“ ist nicht zufällig gewählt, sondern regt zum Innehalten und genauem Hinschauen an. Wie die Natur Zeit findet zum Regenerieren und Entwickeln – ständig im Fluss, vollkommen in ihrem eigenen Takt. Diese Prozesse vom Werden und Vergehen gilt es zu schützen und als wertvolles Geschenk zu betrachten.
 

Für Nationalparkleiter Gernot Haffner liegt die größte Herausforderung im wirksamen Schutz der marinen Bereiche. „Unsere Ostsee hat die Belastungsgrenze lange erreicht. Wenn wir das Zugrundegehen dieses wunderbaren Lebensraumes nicht erleben wollen, brauchen wir konsequente Maßnahmen aller Ostseeanrainer. Wir möchten als Schutzgebiet unseren Beitrag dazu leisten.“
 

Gemeinsam feiern wir den 35. Geburtstag der drei Nationalparke und weiteren Schutzgebieten in Mecklenburg-Vorpommern, die uns das Nationalparkprogramm der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR geschenkt hat.

Menschen spazieren auf einem Holzweg durch die Kernzone am Darßer Ort. © Linda Sturm
Der Rundwanderweg Darßer Ort in der Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft.
Der Rundwanderweg Darßer Ort in der Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft.
Wilder, grüner Wald, im Hintergrund Fahrradfahrer. © Luzia Zust
Die Waldwildnis im Nationalpark erkunden.
Die Waldwildnis im Nationalpark erkunden.
Rotwild im offenen Gelände eingerahmt vom Wasser. © Klaus Haase
Einzigartige Wildnis: Rotwild im offenen Gelände eingerahmt vom Wasser.
Einzigartige Wildnis: Rotwild im offenen Gelände eingerahmt vom Wasser.