Die Küstenvogelbrutgebiete im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft

Inseln als Brutparadise

Als Brutgebiet ist der Nationalpark ebenfalls bedeutsam. Unter den 163 Brutvogelarten des Nationalparks sind 70 Arten, die in der Roten Liste der gefährdeten Brutvögel Mecklenburg-Vorpommerns verzeichnet sind. 67 Brutvogelarten des Nationalparks sind in der Roten Liste Deutschlands in eine der Gefährdungskategorien eingeordnet.

Einige Inseln und Halbinseln im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft sind als Küstenvogelbrutgebiete besonders geschützt. Hier haben sich unter anderem große Möwen- und Seeschwalbenkolonien angesiedelt. Es gibt aber auch größere Kolonien von Lach-, Silber- und Sturmmöwe (Larus ridibundus, - argentatus, - canus) sowie Zwerg-, Fluss- und Brandseeschwalbe (Sternula albifrons, Sterna hirundo, - sandvicensis). Zuweilen ziehen diese Kolonien von Insel zu Insel um.

Ein Paar Zwergschwalben kümmert sich rührig um ihren Nachwuchs. Das Nest ist lediglich eine Kuhle aus Sand. So sind Eier und Junge bestens getarnt. © Jürgen Reich
Ein Paar Zwergschwalben kümmert sich rührig um ihren Nachwuchs. Das Nest ist lediglich eine Kuhle aus Sand. So sind Eier und Junge bestens getarnt.

Besonders schützenswert

Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft kommen 34 Vogelarten des Anhangs I der EU-Vogelschutzrichtlinie, also besonders zu schützende Arten, regelmäßig und in zum Teil beträchtlicher Anzahl vor. Darüber hinaus übersteigen die Rastbestände von 28 Wasser- und Watvogelarten im Nationalpark regelmäßig das 1-%-Kriterium der afrikanisch-eurasischen Rastpopulation internationaler Bedeutung nach Ramsar-Konvention. Dazu zählen u. a. Kranich und Kormoran, Entenvögel wie z. B. Höcker- und Singschwan, Grau- und Weißwangengans, Schnatter- und Eisente oder Mittel- und Zwergsäger sowie Limikolen, wie z. B. Zwergstrandläufer, Säbelschnäbler oder Gold- und Kiebitzregenpfeifer.

Schon zu DDR-Zeiten geschützt

Schon vor Gründung des Nationalparks gab es im Gebiet der Vorpommerschen Boddenlandschaft zahlreiche als Naturschutzgebiet geschützte sogenannte Küstenvogelbrutgebiete. In der Regel handelte es sich um Inseln, in Einzelfällen auch um exponierte Halbinseln. Die Küstenvogelbrutgebiete und die Verantwortung zu ihrer Erhaltung wurden vom Nationalpark übernommen. Seit dem 14. Dezember 1992 ist dieser als Europäisches Vogelschutzgebiet gemäß der EU-Vogelschutzrichtlinie gemeldet.

Mehr als die Hälfte des Landesbestandes

Die Küstenvogelbrutgebiete des Nationalparks beherbergen zeitweise mehr als 50 % des Gesamtbestandes von Mecklenburg-Vorpommern. Die Brutbestände verteilen sich dabei im Wesentlichen auf die Inseln Barther Oie, Kirr und Heuwiese, die auch die größte Artenvielfalt erkennen lassen. Geringere Bestandszahlen weisen darüber hinaus die Insel Liebitz und der Neue Bessin von Hiddensee auf. Die Brutbestände der meisten Küstenvogelarten sind in den letzten Jahren stark rückläufig, so dass – im Gegensatz zu 20.355 Brutpaaren 1990 – im Jahr 2010 nur noch 6008 Brutpaare verzeichnet werden konnten. Für Küstenvögel sind demnach störungsarme, raubsäugerfreie Inseln von grundlegender Bedeutung, da Gebiete mit direkter Festlandanbindung ihre Bedeutung auf Grund des hohen Prädatorenbestandes in den letzten 15 bis 20 Jahren weitgehend verloren haben.

Das Salsgrasland der Insel Kirr ist von vielen Prilen durchzogen. © Jürgen Reich
Das Salsgrasland der Insel Kirr ist von vielen Prilen durchzogen.

Die Insel Kirr


Die ca. 370 ha große Kirr ist aus gutem Grund die bekannteste Salzwieseninsel im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Sie liegt in weiten Bereichen nur wenig über Normalnull. In den großflächigen Salzweiden ist das Prielsystem weitgehend in seiner verästelten Ursprünglichkeit erhalten. Dies ist eine absolute Besonderheit in der von Küstenschutz und Entwässerung stark veränderten Küstenlandschaft.

1336 wurde „insule in Kyrre“ erstmals erwähnt. Die noch heute geltende Bezeichnung „Kirr“ ist seit ca. 1696 geläufig und bedeutet „ein mit Sträuchern bzw. Büschen bewachsener Ort“. Die Insel wird seit jeher als Viehweide genutzt. Bereits seit 1336 – die Kirr gehörte zu der Zeit Barther Bürgern und der Herrschaft Divitz – wurde ein Großteil des Gebiets als Weideland verpachtet. 1823 verkaufte die Stadt Barth das Gehöft Klein Kirr, wo bis 1954 Landwirtschaft betrieben wurde. Bis in die erste Hälfte des 20. Jh. gab es auf dem Eiland zwei Bauernhöfe, von denen einer nur noch als Ruine zu erkennen ist. Der andere befindet sich im Osten der Insel. Die Weideflächen sind heute an das Gut Darß verpachtet und dienen vor allem der Erhaltung des Überflutungs-Graslandes. Seit 1972 ist die Kirr offizielles Vogelschutzgebiet und gehört seit 1990 zur Schutzzone II des Nationalparks.

Bei Hochwasser wird die Insel fast vollständig von dem salzigen Boddenwasser überflutet, welches durch die Priele größtenteils wieder abfließen kann, in vielen Tümpeln aber auch stehen bleibt und teilweise in sogenannten Salzpfannen verdunstet. Durch das Zusammenspiel von Überflutungen und dem Tritt der Weidetiere gerieten Pflanzenreste unter Luftabschluss und so entstand im Laufe der Jahre eine dünne Schicht Torf, das sogenannte Küstenüberflutungsmoor. Diese geringmächtige Torfdecke überlagert zum größten Teil die zwei Substrate (marine Sande, brackiger Schlick), aus denen die Insel besteht. Die Salzwiesenvegetation geht in den höher gelegenen Abschnitten in Feuchtwiesen über.

Die Insel stellt somit ein ideales Brutgebiet für Watvögel dar und ist im landesweiten Maßstab bedeutsam. Derzeit brüten dort 23 verschiedene Küstenvogelarten. Allein 100 Paare des Rotschenkels (Tringa totanus) nisten auf der Insel, weiterhin sind auch Uferschnepfen (Limosa limosa), Austernfischer (Haematopus ostralegus) Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta) und Kiebitze (Vanellus vanellus) mit hoher Individuendichte vertreten. Auch unzählige Brandseeschwalben (Sterna sandvicensis) bevölkern zur Brutzeit lautstark die Insel. Mit wenigen Brutpaaren besiedelt auch der in Mecklenburg-Vorpommern vom Aussterben bedrohte Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula) die Kirr.

Die Insel Barther Oie aus der Luft. © Lutz Storm
Die Insel Barther Oie aus der Luft.

Die Insel Barther Oie


Die heute unbewohnte, rund 68 ha große Insel im Barther Bodden wird durch viele Wasserflächen geprägt, die durch ein natürliches Grabensystem an die Bodden angeschlossen sind. Etwa die Hälfte der Barther Oie nehmen regelmäßig überflutete Salzwiesen ein, die sich auf mächtigen Salztorfen entwickelt haben. Ebenso wie auf der Insel Kirr existiert auf der Oie ein Küstenüberflutungsmoor, dessen Torflagen durch das Zusammenspiel von Überflutungen und dem Tritt von Weidetiere entstehen konnte. Das Zentrum der Insel bildet ein höher gelegener alter Moränenkern, der von Hochwässern nur selten erreicht wird. Die Salzgrasvegetation geht in den höher gelegenen Bereichen in Feuchtwiesen über.


Die Barther Oie wurde kontinuierlich verpachtet und meist als Viehweide genutzt. Die letzte Weidewirtschaft hielt sich bis in die 1950er Jahre. Auch heute noch wird die Oie zum Erhalt der Salzgraswiesen als Weide genutzt. Die Kühe werden dabei vom Osten der Bresewitzer Halbinsel auf die Insel übergesetzt. Im Jahr 1972 wurde die Oie zum Naturschutzgebiet erklärt und liegt seit 1990 in der Schutzzone II des Nationalparks. Aus Naturschutzgründen ist sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Derzeit brüten auf der Oie 22 verschiedene Seevogelarten. Dabei prägen größere Brutbestände von Watvögeln die Insel. So konnten 2019 allein 25 Paare des Austernfischers (Haematopus ostralegus) und 20 des Kiebitzes (Vanellus vanellus) festgestellt werden. Auch Stock-, Schnatter-, Löffel- und Reiherente (Anas platyrhynchos, – strepera, -clypeata, Aythya fuligula) nutzen die Barther Oie für ihr Brutgeschäft.

Die Besonderheit der Insel sind die unzähligen Möwen, die das Eiland bevölkern. So weist die Oie eine große Silbermöwenkolonie (Larus argentatus) auf, die meist um die 500 Brutpaare umfasst. Eine Kolonie von Lachmöwen (Larus ridibundus), Sturmmöwen (Larus canus) sowie kleine Bestände von Herings- und Mantelmöwen (Larus fuscus, – marinus) befinden sich außerdem auf der Insel. Bemerkenswert sind die Brutpaare der Flussseeschwalbe (Sterna hirundo), die zur Brutzeit am Barther Bodden gut bei der Nahrungssuche beobachtet werden können.

Die Insel Liebitz


Die Insel Liebitz ist eine nur wenige Meter hohe und rund 41 ha große Moräneninsel im Kubitzer Bodden. Im 1. Jahrhundert n. Chr. hat wahrscheinlich noch eine Landverbindung zu Rügen bestanden. Erstmals bekundet wurde “Werder Lypitze” 1386 in den Urkunden des Klosters Hiddensee. 1611 gelangte die Insel durch Verkauf aus Klosterbesitz an den Hof Ralow und ist seit 1994 in Privatbesitz. Heute gehört sie zur Gemeinde Dreschvitz.

Die Liebitz wird schon Jahrhunderte lang gezielt bewirtschaftet. Die höher gelegenen Flächen wurden dabei für den Ackerbau genutzt, während die überschwemmten Bereiche mit Weidetieren besetzt waren. Bis 1960/61 wurde Ackerbau betrieben, danach fielen die Flächen vermutlich brach. Die regelmäßige Düngung sowie gezielte Umbrüche und Wieseneinsaat auf den trockenen Flächen erfolgten von 1978 bis 1983 durch die ansässige landwirtschaftliche Genossenschaft. Ab 1986/87 setzte die Weidebewirtschaftung ein. Das Vieh wurde dabei über eine Furt von Rügen aus auf die Insel getrieben. Heute findet die Beweidung mit Schafen nur außerhalb der Brutkolonie statt.

Als wichtiger Brutplatz für Küstenvögel gilt der niedrig gelegene Ostteil, der etwa ein Drittel der Inselfläche ausmacht und bei Sturmfluten häufig überspült wird. Hier sind großflächig Salzwiesen mit Tümpeln und Prielen entwickelt. Die Sicherung der Brutareale erfolgt durch eine einmalige Mahd vor der Brutsaison. Die nicht gemähten Röhrichtbestände sind Lebensraum für einige Singvogelarten wie z. B. den Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus), der mit 6 Brutpaaren 2010 nachgewiesen werden konnte. Die Hecken werden besonders von den Grasmückenarten (Sylvia) angenommen, darüber hinaus brüten dort u. a. auch Singvögel wie Bluthänfling (Carduelis cannabina) und Buchfink (Fringilla coelebs) mit je 15 Brutpaaren (2010).

Derzeit brüten auf der Liebitz 13 verschiedene Seevogelarten. Eine Besonderheit ist die Sturmmöwenkolonie (Larus canus) – mit 205 Brutpaaren (2019) eine der größten in Mecklenburg-Vorpommern. Weiterhin wird die Liebitz auch von Gänsen und Enten als Brutgebiet genutzt. So ließen sich 2019 mehrere Brutpaare der Grau- und Brandgans (Anser anser, Tadorna tadorna) verzeichnen. Auch die Flussseeschwalbe (Sterna hirundo) brütet auf der Insel, jedoch nicht regelmäßig.

Dicht an dicht liegen die Nester der Kormorane auf der Vogelschutzinsel Heuwiese. © Jürgen Reich
Dicht an dicht liegen die Nester der Kormorane auf der Vogelschutzinsel Heuwiese.

Die Insel Heuwiese


Die ca. 14 ha große Insel Heuwiese liegt etwa 2 km südlich von Ummanz. Sie stellt ein typisches, nur wenige Zentimeter über NN liegendes Salzgrasland der Vorpommerschen Boddenküste dar und wird nur unregelmäßig überflutet. Der Name der Insel stammt von ihrer ursprünglichen Nutzung als Viehweide. Als Seevogelkolonie ist sie seit Mitte des 19. Jh. bekannt und wurde 1939 offiziell als Brutstätte für Küstenvögel unter Schutz gestellt.

Bemerkenswert sind die großflächigen Meldengestrüppe im Zentralbereich der Insel. Diese nährstoffliebenden Pflanzen können sich dank der intensiven “Düngung” durch den Vogelkot so stark entwickeln. Das unterstreicht eindrücklich, wie groß die Anzahl der Vögel ist, die die Insel als Brut- und Rastgebiet nutzen.

Derzeit brüten auf der Heuwiese 14 verschiedene Vogelarten, so u. a. Silbermöwe (Larus argentatus) und Höckerschwan (Cygnus olor) in größerer Anzahl. Mit 2 Brutpaaren ist auch der Kiebitz Vanellus vanellus) auf der Insel Brutvogel. Entenvögel wie z. B. Mittelsäger (Mergus serrator) nutzten die hohen Melden in der Vergangenheit als geschützten Brutplatz, die Bestände sind in den letzten 15 Jahren jedoch eingebrochen. Zuletzt wurde die Art im Jahr 2017 nachgewiesen.

Eine Besonderheit der Insel ist eine Kolonie von Kormoranen (Phalacrocorax carbo). Normalerweise brüten die Vögel auf Bäumen. Auf der Heuwiese findet man jedoch eine ebenerdige Kolonie mit durchschnittlich 500 bis 1000 Nestern, die zur Forschung hinsichtlich der Populationsentwicklung und des sozialen Verhaltens der Tiere ideal geeignet ist.

Vor den Halbinseln Alter- und Neuer Bessin hat sich ein großes Windwatt gebildet. © Jürgen Reich
Vor den Halbinseln Alter- und Neuer Bessin hat sich ein großes Windwatt gebildet.

Die Halbinsel Neuer Bessin


Der Bessin ist eine Halbinsel, die sich an den Dornbusch auf Hiddensee anschließt und erst innerhalb der letzten tausend Jahre entstanden ist. Er ist eines von vielen Beispielen für die küstendynamischen Prozesse, die sich im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft jeden Tag abspielen. Schnell fortschreitende Sedimentationsprozesse lassen dort immer wieder neue Sandbänke, Sandhaken und Strandwälle entstehen. Historische Karten und alte Luftbilder zeigen, dass der Neue Bessin, eine inzwischen immerhin 3 Kilometer lange Landzunge, erst in den letzten 100 Jahren gewachsen ist. Der Zuwachs beträgt auch heute noch rund 30 m pro Jahr. Er stellt somit den jüngsten Teil Hiddensees dar.

Der Bessin ist unbewohnt und liegt in der Schutzzone I des Nationalparks, darf also aus naturschutzfachlichen Gründen nicht betreten werden. Die vegetationslosen Sandflächen sind das letzte wichtige Brutgebiet für die Vögel der Strände und Strandwälle im Nationalpark. Derzeit brüten auf dem Neuen Bessin und den Windwattflächen vor der Halbinsel 14 verschiedene Vogelarten. Besonders kennzeichnende Arten der Brutvogelfauna sind Zwerg- und Flussseeschwalbe (Sterna albifrons, – hirundo). Sie nutzen die vegetationsfreien Sandflächen als Brutstandort, bevor sie mit ihren Jungen den weiten Weg in die Überwinterungsgebiete antreten.

Der Gellen – die südliche Halbinsel der Insel Hiddensee. © Jürgen Reich
Der Gellen – die südliche Halbinsel der Insel Hiddensee.

Weitere Küstenvogelbrutgebiete


Gellen (Bild), Gänsewerder und die Fährinsel sind als Küstenvogelbrutgebiete erloschen, können sich jedoch potenziell wieder dahin entwickeln. Auch Gebiete wie das Windwatt Bock, kleine Inseln am Darßer Ort und die Inseln Liebes und Mährens zwischen Rügen und Ummanz werden vereinzelt von Seevögeln zur Aufzucht der Jungen genutzt. Ihre weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.